Leseprobe

Der Tautropfen

 

Ich musste mir heute Zeit etwas borgen,

um einmal am taufrischen Morgen,

die Tropfen an Blätter und Halmen zu sehen,

an denen wir sonst achtlos vorübergehen.

 

Diesmal bin ich sehr früh schon vor Ort,

und sehe die glitzernde Nässe sofort.

Es leuchtet von fern die Fläche im Gras,

der Wind ist kalt, der Boden ist nass.

 

Ich beuge mich tiefer in das Gras hinein,

und spüre Feuchtigkeit am Bein.

Mein Finger sich sacht durch das Grüne drängt,

zu einem Tropfen der zitternd am Halme hängt.

 

Ich gebe dem Tropfen einen Stoß,

er füllt sich mit Wasser und wird dadurch groß.

Er ist so prächtig vollgefüllt,

von einer zarten Haut umhüllt.

 

Ich möchte sehen wie er fällt,

flugs am Boden nass zerschellt.

Ich sehe ihn schwer am Halme wanken,

ein neuer Stoß bringt ihn ins schwanken.

 

Und eh ich es so richtig sah,

er plötzlich schon am Boden war.

Er platzte nicht wie ich gedacht,

er hat sich etwas breit gemacht.

 

Auf einem umgeknickten Blatt,

er still nun seine Ruhe hat.

Doch wäre ich nicht Mensch genug

um mit dem allerletzten Zug,

ihn gänzlich nun zerstört zu sehen.

So musste es nun weitergehen.

 

Meine Finger sind zerkratzt,

der Tropfen war nun doch zerplatzt.

 

Und ich sah der Tropfen viele,

glitzernd hell im Wechselspiele.

Was ich glaubte wohl zu sehen,

kann ich einfach nicht verstehen.

 

Es ist als trübte sich mein Blick,

die Tropfen waren matt und dick.

So will - so muss ich wohl erwähnen,

ich sah ein großes Meer von Tränen.

 

Cop. Bernd Rosarius

Lippische Landeszeitung