Die Feldpostkarte

Flach im Boden unter Sand,

ich eine Feldpostkarte fand.

Vergilbt war sie doch lesbereit,

aus fernem Land - Vergangenheit.

 

Ihr Inhalt hat mich sehr bedrückt.

Ein seltener Fund war mir geglückt.

Da stand in schwachen Lettern drauf:

"liebe Frau ich gebe auf".

 

"Wenn du die Karte bei dir trägst,

mein Herz vielleicht schon nicht mehr schlägt.

Ich liege hier im Schützengraben,

in dem so viele Männer starben.

 

Das Gewehr fest unterm Arm,

ein alter Mantel hält mich warm.

Über mir ein klarer Himmel,

tausendfaches Sterngewimmel.

 

Zwischendurch von Menschenhand,

zucken Blitze übers Land,

gefolgt von Donnerschall und Knall.

Der Feind ist heute überall.

 

Tief im Boden wie ein Wurm,

drückt mich die Ruhe vor dem Sturm.

Ich halte wieder einmal Wacht,

in einer sternenklaren Nacht.

 

Ich habe Angst, o liebe Frau,

der Tod ist nah, ich spür es genau.

Mein Gesicht voll Schmutz und Dreck,

gereicht mir nicht zum Lebenszweck.

 

Kaum wage ich den Kopf zu heben,

freiwillig nicht mein Leben geben.

Es wird dem Tod bestimmt gelingen,

mich hier und heute zu bezwingen.

 

Der Kessel steht ich komm nicht raus,

mit Sicherheit nicht mehr nach Haus.

Doch eines Frau sei dir gewiss,

das du im Herzen bei mir bist.

 

Eines darfst du nicht verkennen,

wenn unsre Herzen noch so brennen,

als Toter vielleicht unerkannt,

sterbe ich fürs Vaterland."

 

Die Karte fast schon aufgeweicht,

hat den Empfänger nie erreicht.

Im tiefsten Frieden lebe ich,

doch die Gedanken drücken mich,

 

beim Kartenlesen und danach.

Ein Toter aus dem Jenseits sprach.


Der späte Gast

Ich hör es an meiner Türe klopfen

leise wie ein Regentropfen

anfangs war es kaum zu hören

ich lass mich dadurch auch nicht stören.

 

Ich bin zwar krank und fühl mich schwach

ich habe Zeit und denke nach.

Ich kann nicht auf den Beinen stehen

Ich kann vom Bett durchs Fenster sehen.

 

Kahle Bäume, Sturm und Wind

der Herbst jetzt seinen Einzug nimmt.

Ich sehe die vielen Blätter fallen

höre der Winde Echo schallen.

 

Und sage mir welch' ein Genuss

ist doch der lebensnahe Kuss.

Trotz meiner Qual und meinem Leid

gibt mir das Atmen Herrlichkeit.

 

Klopf –klopf -klopf so seicht und sacht

hat mich das Klopfen wach gemacht.

was steht da draußen, will zu mir

außer mir ist niemand hier.

 

Und ich drück' mich in die Kissen

wer draußen ist will ich nicht wissen.

es wird schon gehen, was zu mir will

na bitte sehr, es bleibt schon still.

 

Woran soll der Mensch nur denken

wie soll er die Gedanken lenken

an das Leben, an den Tod

an die Freuden, an die Not.

 

An das Pech und an das Glück

an den langen Weg zurück

an die Jugend an das Heute

an die großen-kleinen Leute.

 

an die Liebe, an den Hass

an das wie und an das was

wie man's hätte machen wollen

was man hätte machen sollen.

 

Ein Wirrwarr der Gedanken

die wechselseitig schwanken

es klopft wieder an der Tür

wer steht da draußen, will zu mir?

 

Ich bin allein und bleib es gern

ich steh euch abseits weit und fern

ich kann nicht durch die Türe sehen

versuche nicht jetzt aufzustehen.

 

Es ist als wenn mich Hände packen

Furcht und Angst sitzt mir im Nacken

ich habe hier nichts zu vermissen

überhaupt will ich nichts wissen.

 

Lasst mich in Ruhe und in Frieden

weich in meinem Bette liegen

doch das Denken fällt mir schwer

denn ich höre immer mehr.

 

Das Geräusch vor meiner Tür

irgendjemand ist doch hier

o du schöne große Welt

mir ist's als wenn ein Vorhang fällt

 

Ich kann nicht lachen und nicht weinen

sehe keine Sonne scheinen

ich höre Glocken vom Kirchenturm

draußen tobt ein wilder Sturm.

 

Mir fehlt Willen und der Mut

mir fehlt auch das Gedankengut

nichts ist richtig aufgeräumt

mein Körper hat sich aufgebäumt.

 

Ich friere und ich schwitze

es zieht durch jede Ritze

und das Klopfen hört nicht auf

die Angst kriecht mir den Rücken rauf.

 

Was soll ich jetzt bloß tun

man lässt mich doch nicht ruhen

ich muss es jetzt erfahren

wer die da draußen waren.

 

die unaufhörlich klopfen

nicht mehr wie Regentropfen

so habe ich mit letzter Kraft

noch den Weg zur Tür geschafft.

 

Ich reiße auf die Tür ganz weit

da sagt man mir, es wird jetzt Zeit

es blendet mich ein helles Licht

mehr als dieses sehe ich nicht.

 

Doch eine Stimme sagt ganz warm

ich nehme dich jetzt in meinen Arm

ich teile mit dir dein Gnadenbrot

ich bin dein Freund, ich bin der Tod.

Bernd Rosarius 1985


 

Tanz der Dämonen

 

Alles kreist,dreht sich schnell

noch ist`s hell.

Der Kopf ist schwer

immer mehr

spür ich mich

und sicherlich

geb`ich acht

auf die Nacht

die gemächlich kommt geschritten

und inmitten

ihrer Stunden

schweigen die Wunden

und es sinkt mein Sinn

ruhevoll dahin.

Das ist der Drehmoment

den man kennt.

Der Farbenkreis ist weiß

blau rot und grün

und sie ziehn

mich in ihren Bann

so fängt es an.

Aus den Kreisen werd`n Grimassen

und sie passen

nicht

in das wechselhafte Licht

doch die Lichter

sind Gesichter

hellen auf,verdunkeln sich

Schweiß bedecket mich.

Und es dreht sich alles nun

ohne stille auszuruhen.

Meine Haut ist aufgeraut

denn sie juckt

mein Auge zuckt

sie steh`n außerhalb der Normen

wie die Kreise sich verformen.

Plötzlich liegt mir ein Skelett

auf dem Bett

Angst im Nacken

feuchtes Laken

meine Hände

fassen Wände

auf ein plötzliches Geheiß

hör`ich ihre Stimmen leis`.

Nichts kann ich verstehen

ich kann sie sehen

wie sie schneller sich bewegen

sich lachend mir entgegenlegen

nein ich will,nein ich muß

machen mit dem Trauma Schluß.

Fort von mir

fort von hier

hört mein Rufen und mein Flehen

ich will jetzt was and`res sehen.

Fort nur fort

von diesem Ort.

Es dreht sich jetzt der ganze Raum

und der Traum

bleibt

bis der Tag die Nacht vertreibt.

Schwer sind meine Glieder

solch`ein Traum,nie wieder.

Bernd Rosarius 85


 

Heuchelei

  

Ich höre die Glocke wohl aus der Ferne

erst leise, dann stark im Akkord

ich höre die Glocke so gerne

 Sonntag ist es unten im Ort.

 

Ich stehe weit ab auf dem Hügel im Wind

schaue hinab auf das Häusermeer

und frage mich wo denn die Menschen sind

die Straßen und Plätze sind leer.

 

In einem Haus mit spitzem Giebel

stehen sie alle gedrängt und dicht

von der Last ihrer Seelen nach innen getrieben

singend und betend im Kerzenlicht.

 

Eine Stimme erhebt sich grollend wie Sturm

ruft nach dem Himmel, nach Jesus, nach Gott

die Glocke schlägt lauter jetzt noch vom Turm

 o welch' ein Hohn, o welch' ein Spott.

  

„Gott vergib“ ruft die Stimme jetzt klar

unsere Sünden, stell' neu unsere Weichen

ich auf dem Hügel frage ist's wahr?

Kann man die Sünden mit Worte begleichen.

 

Es kocht meine Seele, in den Adern das Blut

ich öffne mein Herz und mache mich frei

mein Körper zittert in rage vor Wut

es entflieht meiner Brust ein markiger Schrei.

 

Eure Seelen da unten sind böse und schlecht

meine hier oben parallel dazu auch

es ist nur billig, notwendig und recht

zu brechen mit diesem seltsamen Brauch.

 

Ihr habt gelogen gehasst und betrogen

ihr konntet am Rade der Macht eifrig drehen

ihr habt den Schwachen das Rückgrat verbogen

und seine Tränen gesehen.

 

Wünsche und Hoffnungen habt ihr zerstört

abgetötet mit Lust jeden Schrei

ihr habt die Hilferufe gehört

was soll jetzt nur die Heuchelei.

 

Was geht euch bloß der Nächste an

er ist euch fern und fremd

und wenn ihr könntet irgendwann

ergreift ihr auch sein letztes Hemd.

 

Zieht auch der Sonntag nun vorüber

geht alles wieder von vorne los

ihr stürzt euch sacht und fein kopfüber

in den grauen Alltag Schoß.

 

Macht es wie ich auf diesem Hügel

schaut euch offen ins Gesicht

 erteilt euch gegenseitig Rüge

mehr zum Erkennen braucht ihr nicht.

  

Reicht dem Nachbarn eure Hand

drückt sie fest, doch mit Gefühl

ihr seit alle artverwandt

zur Menschlichkeit gehört nicht viel.

 

Ach was soll's der Mensch ist so

resigniert bleib ich hier stehen

auf dieser Welt wird niemand froh

man kann sich selbst ja nicht verstehen.

 

Bäche sie rauschen

Wind wird zum Sturm

ich werde lauschen

auf die Glocke im Turm.

 

Bernd Rosarius 1965


 

Der Baum

 

Ich stehe unter einem Baum

und fühl'dasselbe wie im Traum

Gestern Nacht,

Ich hab'darüber nachgedacht,

Wieso weshalb warum

Bleibt dieser Baum, heut'stumm.

Ich saß als Kind

hochdroben stets im Aste

Wobei der Sommerwind

Mich streichelnd sacht erfasste.

Dort wo ich schwankend thronte

auch stets ein Sperling wohnte

Doch ich spürte keine Enge

Kein astreiches Gedränge

nur der Duft und nur die Luft

nur die Kräfte unter mir

so die Säfte auch in ihr

weckte meine Leidenschaft

Willenskraft und Lebenssaft

 floss aus jedem Holz und Blatt

 Das, was die Rinde in sich hat'

 sind die Kräfte der Natur

 aber aber sage nur

 was ich damals wollt nicht missen

 soll ich heut'vergessen müssen.

 Verzweiflung ist ein Dauerfluch

 des Baumes Rinde ging zu Bruch

 seine Äste sind verdorrt

 ein Sperling findet keinen Hort

 und es trägt nicht mehr der Wind

zum Gipfel rauf ein schwankend Kind

 so sind wohl die Gefahren

in all den langen Jahren

von niemanden erkannt

auch wenn man oft darunter stand.

Sein Schrei war nirgends mehr zu hören

Oh Mensch du wirst ihn ganz zerstören

aus einem Lüftchen, das ist bitter

wird ein grollendes Gewitter.

so hast du Baum kein Lebensraum

Du bist ein Baum nur noch im Traum

ein Ende ohne Wende

und wenn wir vor ihm ständen

kein Schatten würd'er spenden.

So steht's

so geht's

in Fäulnis strikt voran

aber wann

ist die Erkenntnis mir erwacht

zum Erstenmale gestern Nacht

hab'ich darüber nachgedacht.

 

 


 

 


 

 

 

 


 

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