Kurzbeschreibung

Das Verlags-Lektorat schrieb im Klappentext u.a.

„Nicht wie du, Vater!“, sagte der jüngste Sohn Roman zu seinem Vater. Er und seine beiden Brüder wollten nicht so werden, wie ihr steinreicher Erzeuger, der Großunternehmer Harry Bareso, der mit mafiaähnlichen Methoden nach Gewinnmaximierung strebte und schließlich ein Imperium führte, das seinesgleichen suchte. Doch auch dieser unbarmherzige brutale Geschäftsmann wollte einen seiner Söhne zum Nachfolger bestimmen. Wer war dazu in der Lage? Er stellte seinen Söhnen eine Aufgabe: Wer innerhalb eines Jahres diese Aufgabe erfolgreich bewältige, werde direkter Nachfolger im Bareso-Konzern. Als sterbenskranker Mann ließ sich Harry Bareso von seinem Vertrauten Heino Seebrecht erzählen, was aus seinen Kindern und aus der gestellten Aufgabe geworden ist.

 

In diesem vielschichtigen und perspektivreichen Familienroman werden verschiedene Zeitebenen, Schauplätze, Sicht- und Lebensweisen nach Art eines Sittengemäldes aufeinander bezogen, in dem jede der handelnden Personen aus einer Scheinwelt ausbrechen möchte, für die sie entweder nicht geschaffen war beziehungsweise die sie sich selbst geschaffen hat.

 

 

 

Covergestaltung: Camaela Regine Stahl

Leseprobe - 13. Kapitel

Harry, der bislang reglos mit durchgehend geschlossenen Augen auf seinem Bett gelegen hatte, versuchte sich jetzt aufzurichten. Mit seinen abgemagerten Händen ergriff er Heinos Oberarm und wollte sich daran in eine erhöhte Position ziehen. Diesmal versuchte er mit leicht geöffneten Augen Blickkontakt zu Heino herzustellen. Er flüsterte mit stotternder Stimme: „Lebt sie noch? Lebt meine Tochter noch? Nun sprich bitte, ich flehe dich an!“ Heino löste Harrys Finger von seinem Arm, drückte ihn zurück auf das Bett und drehte den schwerkranken Mann auf die linke Seite, damit der Rücken durch das lange Liegen etwas entlastet werden konnte. „Geduld Harry. Es kommt, wie es kommt.“ „Geduld kann ich nicht mehr aufbringen. Die Zeit läuft mir davon. Wie lange habe ich noch?“

Heino versuchte gezielt eine rollende Träne aus seinem eigenen Auge fortzuwischen und streichelte Harrys knöchrige Hand: „Du hast noch Zeit, um die ganze Geschichte zu hören. Du musst dich mit deinem Leben versöhnen und du musst vor Gott treten können mit dem Hinweis, dass du so bist, wie du bist, dass du deine Fehler eingesehen und zum Schluss auch eine reife Entscheidung getroffen hast.“ „Ich habe nie an Gott geglaubt. Wird er mir das übel nehmen und mich erst gar nicht reinlassen in sein Himmelreich oder komme ich gleich in die Hölle, nachdem du mir den Spiegel vorgehalten hast?“ Heino schmunzelte: „Ich denke Gott liebt alle Menschen. Er schickt niemanden in die Hölle, auch den oftmals hartherzigen Harry nicht.“ „Sprich weiter Heino.“

Nachdem dieser seinem Freund die Schnabeltasche an den Mund gehalten hatte, begann er sehr bedächtig: „Über das Verhältnis zu deiner ersten Frau Ann-Margret haben wir uns ausführlich unterhalten. Was war aber mit deiner zweiten Frau Nora, die dich sehr geliebt hat? Jahrelang war sie deine Sekretärin. Ihr wart ein tolles Team, alles funktionierte bis ins Detail. Die Probleme fingen an, als Katharina geboren wurde und Nora in den Mutterschaftsurlaub ging. Plötzlich funktionierte sie nicht mehr, wie du es wolltest. Du hast deine Tochter zwar geliebt, hast sie hin und wieder auf den Schoß genommen aber warst du auch ihr Vater? Du hast Nora ziemlich allein gelassen und telefonisch Anweisungen erteilt, wie sie ihre Tochter zu erziehen habe. Dann kam dieser, wie hieß er noch gleich? Aja, dein Geschäftspartner, der Hühnerfabrikant Mathias Kramer mit seinen beiden hübschen Töchtern Mirabelle und Sabrina. Er war ziemlich verschuldet und bat dich um Hilfe. Du solltest in seine Firma einsteigen, um diese vor der Insolvenz zu retten. Du wolltest aber die Insolvenz, um den Betrieb für wenig Geld selbst übernehmen zu können. Herr Kramer hat dich angefleht, gebettelt, sich erniedrigen lassen, aber du bliebst stur, bis? Ja, bis Kramers Tochter Mirabelle auftauchte. Sie war hübsch, gut gebaut, unverbraucht, aufgeschlossen und intelligent. Sie wurde Noras Nachfolgerin im Sekretariat und im Bett. Mathias Kramer sah darin seine Chance und versuchte über seine Tochter Einfluss zu gewinnen, um dich zum Umdenken zu bewegen. Doch Harry wäre nicht Harry, wenn er sich hätte beeinflussen lassen. Du hast mit Mirabelle so lange dein Spielchen getrieben, bist du ihre Schwester Sabine in die Hände bekamst. Sie hattest du als Empfangsdame eingestellt. Für dich gab es überhaupt kein Problem, deine Mätressen einfach kaltschnäuzig auszutauschen. Mirabelle durfte gehen und Sabrina nahm ihren Platz ein. Dieser Fall entzweite sogar die Geschwister und Herr Kramer musste Insolvenz anmelden.“

Heino legte eine kurze Gesprächspause ein, um einen kräftigen Schluck Mineralwasser zu sich zu nehmen. In diesem Krankenzimmer war die Luft zu trocken. Dann fuhr er fort: „Sabrina bemerkte zu spät, dass auch sie austauschbar war. Du bist allein in den Urlaub nach Kreta geflogen und kamst mit einer jungen braun gebrannten Engländerin zurück, das war Janet Talbrook. Nun wurde Janet Sabrinas Nachfolgerin. Janet konnte keine Kinder gebären und das war dir nur recht. Ich weiß nicht, ob du sie geliebt oder nur ein neues Vergnügen gesucht hast.“ Heino legte wieder eine kurze Pause ein und hörte Harry sagen: „Ich weiß nicht, von wem du sprichst.“ Heino schüttelte den Kopf und musste lachen: „Ich spreche von Janet, deiner dritten Ehefrau. Du hast sie im Hochsommer auf Kreta geheiratet. Nun aber weiter: Sabrina war außen vor. Sie, ihr Vater und ihre Schwester versuchten sich aus verständlicher Enttäuschung an dir zu rächen. Allerdings hattest du den längeren Arm und konntest dich gerichtlich wehren – Ende dieses unschönen Kapitels. Janet hatte es nun einfacher. Sie war zu nichts verpflichtet, redete dir nach dem Mund, verwöhnte dich so gut es ging und wurde für ihre allgemeinen Tätigkeiten gut entlohnt. Ihr wart nicht lange verheiratet. Sie erkrankte schwer und starb kurz darauf. Von ihrem Tod hast du bei deinem USA-Aufenthalt erfahren. An ihrer Beisetzung konntest du nicht teilnehmen – ‚wichtige Geschäfte in Amerika‘ hast du voller Bedauern geschrieben. Ich habe die Organisation der Trauerfeier und die Kosten übernommen. Ich sage dir jetzt nicht, was die Trauergemeinde von dir gehalten hat. Deine Söhne hatten zu deinen Frauengeschichten keine Meinung. Ihre Mutter Ann-Margret war das Maß aller Dinge und ein klein wenig auch Nora, weil sie Katharinas Mutter ist.“ Harry lächelte gequält, so weit es sein Zustand eben erlaubte: „Mit anderen Worten: Ich war den Frauen gegenüber ein Sadist. Sagst du mir jetzt, was aus meinen Kindern geworden ist?“ Heino holte tief Luft: „Na gut! Roman war frei, ohne Job und ohne Geld.“