Kurzbeschreibung

Sandorei war eine Gewerkschaftlerin, eine Frau die gegen jede Art von Militarismus protestierte. Das tat sie unter den Nazis und landete im KZ, das tat sie in der Sowjetunion und saß im Gulag. Das tat sie auch in der DDR und saß im Gefängnis. Sie wurde aus dem KZ der Nazis von einem deutschen Offizier befreit, heiratete in Russland einen Kolchosbauern und bekam zwei Kinder, die man ihr später wegnahm. Mit der Gruppe Ulbricht ging sie in die DDR und was kam dann...?

Covergestaltung: Camaela Regine Stahl

Leseprobe - Kapitel: Semjon Petrow

Nach einigen Wochen nahm er mich zur Seite und fragte: „Willst du nicht im Haus arbeiten als meine Hausgehilfin?“ Ich fragte ihn, warum er das möchte, er hätte doch schon eine Haushilfe, nämlich Albina. Da zuckte er nur mit den Schultern. „Sie alleine schafft es nicht mehr.“ „Ich bin Ihre Gefangene. Sie können über mich bestimmen.“ Semjon schien meine Bemerkung nicht hören zu wollen. Er erklärte mir den Aufgabenbereich, befahl mir nichts, sondern fragte nach meinem Willen. „Möchtest du hier arbeiten?“ Ich sah ihn aufmerksam an. „Im Feld sehe ich den Himmel und spüre den Wind.“ „Und im Winter die Kälte und im Sommer die Hitze.“ Semjon nahm mich an die Hand. Er führte mich durch das geräumige Wohnzimmer, öffnete eine Seitentür und betrat mit mir einen kleinen Vorgarten. „Schau nur! Immer wenn du Lust hast, kannst du nach draußen gehen und den Himmel sehen.“ Am nächsten Tag musste ich nicht mehr ins Feld. Ich fand mich in meiner neuen Tätigkeit gut zurecht – zum Leidwesen von Albina. Sie war eifersüchtig und ließ es mich deutlich spüren. Semjon war nicht aufdringlich, ließ aber schon durchblicken, dass er sich in mich verliebt hatte. Mir gefiel das Gefühl, als Frau begehrt zu werden. Albina deckte den Tisch, und ich durfte mit Semjon gemeinsam speisen. Es war mir gegenüber Albina peinlich, so bevorzugt zu werden. Ich lud Albina daher ein, mit uns am Tisch zu sitzen. Sie wollte es nicht, und meinem Tischherrn war es anscheinend gleichgültig. Immer häufiger beachtete er mich. Ich bekam das Gefühl, schon seine Frau zu sein. Dann kam der Tag, an dem er mich direkt fragte, ob ich seine Frau werden möchte. Ich wollte wissen, wie das funktionieren sollte mit einer deutschen gefangenen „Nazihure“. „Ich habe meine Kontakte. Ich bekomme dich frei. Heiratest du mich?“ Ich fühlte mich als Leibeigene, und die Frage stellte sich eigentlich nicht, weil er ohnehin über mich bestimmen konnte. Dennoch schien es ihm wichtig zu sein. „Wenn ich nein sagen würde, was für eine Strafe hätte ich zu erwarten?“ Semjon lachte schallend: „Keine, ich würde es akzeptieren und weiter um dich werben.“ Ich musste wirklich nicht lange überlegen. Semjon war mir nicht unsympathisch, und die Chance auf Freiheit war noch nie so groß. Ich bat um Bedenkzeit, die er mir auch gab. Dann sagte ich zu. Wie er es gemacht hatte, war mir ein Rätsel. Semjon Petrow bekam mich frei, und somit heiratete ich einen Mann, ohne recht zu wissen, was für Gefühle ich ihm entgegenbringen sollte. Mein Ehemann ließ mir alle Zeit der Welt. Wir hatten getrennte Zimmer. Er war Edelmann genug, um mich nicht zu bedrängen. Die Zeit spielte eine entscheidende Rolle. Ich mochte diesen Russen. Ich näherte mich ihm langsam, aber sicher an. Seine Höflichkeit, seine Standhaftigkeit waren nur ein Teil seiner positiven Eigenschaften. Ich fing an, diesen Mann zu lieben. Seit unserer Hochzeit brachte mir Albina blanken Hass entgegen. Dieser Hass konzentrierte sich auch auf Semjon. Wir lebten zusammen, ich wurde schwanger und bekam einen Sohn, den wir Michael nannten. Ich wurde erneut schwanger und bekam eine Tochter, die wir Susan nannten. Zum ersten Mal stellte sich ein Glückgefühl ein. Ich bat Gott, dass dieser Zustand nicht enden möge. Angst hatte ich nur vor Albinas bösen Augen.